Stichwort: Spende Autismus Begleitung

Autismus BegleitungEin Jahr "Wolga": Autisten auf dem Weg in die Selbständigkeit

Giustino lebt in der Wohngruppe im Winnender Stadtbereich

Genau ein Jahr gibt es jetzt die „Wolga“ für die jungen Autisten. Die schöne Abkürzung erinnert an Osteuropa, an Flüsse und weite Landschaften. Sie ist jedoch das Kürzel für Wohnen und Leben in Gemeinschaft autistischer Menschen. Die fünf jungen Männer und eine Frau genießen das Leben in unmittelbarer Stadtnähe. „Die Freizeit direkt in der Stadt“ benennt Markus das Besondere am Wohnen in dem Haus der Paulinenpflege Winnenden. Markus war einer der beiden Bewohner, die Anfang Juni 2008 einzogen. Die Wohngruppe war erstmal ein Versuch. Für alle war das Leben außerhalb von Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder der Jugendhilfe im ursprünglichen Sinn etwas Neues. Heute sagt Markus:  „Hier ist mein Zuhause, ich bin angekommen.“.

Giustino lebt bereits seit 2007 in Häusern der Paulinenpflege. Im Herbst 2008 zog er probeweise in die WOLGA ein. Sein Zimmer im Obergeschoss hat er sich schon eingerichtet. Poster an den Wänden, eine CD-Sammlung. Ganz wichtig ist Giustino die Musik, die er gerne hört und dazu tanzt. Damit kann er und Wahrnehmungen in seine Weise verarbeiten. Die Eindrücke des Tages kann der junge Mann aufgrund seines Autismus ab und zu nicht begreifen. Giustino spricht nicht. Dies ist zuweilen eine Erscheinung des Autismus, der eine Störung in der Wahrnehmungsverarbeitung darstellt.

Giustino hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Er sitzt am Tisch und tut sich schwer mit der Tastatur. Die ausgediente Computertastatur ist für den jungen Autisten in der Paulinenpflege der einzige Weg, um zu kommunizieren. Langsam kommt Buchstabe für Buchstabe, die ein Wort ergeben sollen. Aber unser Treffen am Spätnachmittag bringt weder verständliche Worte noch Sätze. Es sind Buchstaben-Reihen, die erstmal keinen Sinn liefern. Das Sprechen über die Tastatur gehört zur „gestützten Kommunikation“. Das ist eine Methode, mit der Menschen, die sich nicht über Lautsprache mitteilen können, „sprechen“ und sich ausdrücken können. Ein nicht einfacher Prozess bis durch die gestützte Kommunikation – in der Fachsprache „Facilitated Communication“ – ein freies Schreiben auf dem Buchstabenbrett  oder Tastatur möglich wird.

Maximiliane Bier begleitet Autisten in der Wohngruppe und hilft dem Alltag die Gestalt zu geben, die gewünscht oder gebraucht wird. Klare Strukturen und Vorgaben, eine behutsame Konsequenz sei in der Wohngemeinschaft unumgänglich. „Wo sechs Leute zusammenleben, braucht man einen gesteckten Rahmen. Fürs Spülen und Saubermachen, Zimmer putzen, Badezimmerordnung oder bei den Mahlzeiten brauchen wir feste Regeln, die für alle gelten ….wie in jeder Familie eben!“, lacht die Heilerziehungspflegerin. „Als Begleiter ist uns wichtig, Giustino die Struktur zu bieten, die seinem Erleben angemessen ist.“. Bestimmte Sachen im Tagesverlauf nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Abläufe in der Gruppe sind dann auf seine Bedürfnisse abzustimmen und nicht umgekehrt. Die Heilerziehungspfleger in der WOLGA wollen Giustino mit seinen Wünschen und Träumen, mit seinen Sorgen und Nöten kennen lernen. Sofern und soweit er diese mit anderen teilen möchte. Auch die Privatsphäre ist ein wichtiger Aspekt. Mit der gestützten Kommunikation wird dies zunehmend ermöglicht. Damit kann die Grundlage entstehen, auf der sich Giustino als individueller, eigenständiger und selbstbestimmter Mensch präsentieren kann. Behutsam wird an die Thematik der eigenen Willenskundgebungen herangeführt. Den Autisten standen bisher oft nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Verfügung.  Zu Anfang werden einfach und praxisbezogen Wahlmöglichkeiten zur Verfügung gestellt (beispielsweise: Wurst oder Käse zum Frühstück? Zum Ausflug mitgehen oder daheim bleiben? Ein rotes oder ein grünes T-Shirt heute?). Komplexität und Umfang der gestützten Kommunikation werden individuell je nach den Fortschritten ausgedehnt.

Giustino findet schließlich den Zugang zu den Buchstaben und Leerzeichen an der richtigen Stelle. Er konzentriert sich und erzählt, dass er früh aufstehen muss, weil er zu manchen Sachen sehr lange braucht. Er kann es nicht leiden, wenn er sich beeilen muss. Heute ist gerademal Mittwoch, aber Giustino freut sich schon aufs Wochenende, dann kann er endlich in Ruhe ausschlafen. Zur Arbeit im Bildungspark fährt er mit dem Bus. Manchmal ärgert er sich über das Busfahren. Dann ist er sauer. Im Bildungspark erhält er eine Ausbildung. Diese befähigt ihn, in den Werkstätten der Paulinenpflege Winnenden zu arbeiten. Aber jetzt ist Feierabend und er freut sich auf den „Club Paula“. Seine Freizeit nach dem langen, anstrengenden Tag verbringt er in dieser Gemeinschaft der Paulinenpflege. Es gibt etwas zu trinken und zu essen. Er hört dort Musik und lauscht den Gesprächen der anderen zu. Manchmal ist auch jemand da, der sich über das Sprechbrett (manche nennen es auch Schwätzbrett) mit ihm unterhalten kann. Dann erzählt der junge Mann von der Wohngruppe, seinen Wünschen und Träumen.

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